
Feuchtigkeit, Schimmel & Raumklima im Fachwerkhaus
Kaum ein Thema sorgt bei Fachwerkhäusern für so viele Fragen – und ebenso viele Missverständnisse – wie Feuchtigkeit und Schimmel.
Sätze wie „Fachwerk ist immer feucht“ oder „Da kann man Schimmel nie ganz vermeiden“ halten sich hartnäckig. Fachlich korrekt sind sie nicht.
Ein Fachwerkhaus funktioniert anders als ein Neubau. Wer das versteht, versteht auch, warum Feuchtigkeit kein Problem sein muss – und wann sie eines wird.
Warum Feuchtigkeit im Fachwerk anders zu bewerten ist
Feuchtigkeit ist im Fachwerkhaus kein Fremdkörper. Historische Bauweisen sind darauf ausgelegt, mit Feuchte umzugehen, nicht sie vollständig auszusperren.
Das bedeutet:
Baustoffe wie Holz, Lehm und Kalk können Feuchtigkeit aufnehmen,
sie speichern diese kurzfristig,
und geben sie wieder ab, sobald sich die Bedingungen ändern.
Im Gegensatz dazu versucht der moderne Massivbau, Feuchtigkeit möglichst vollständig auszuschließen. Beide Konzepte funktionieren – aber nur, wenn sie nicht miteinander vermischt werden.
Viele Probleme im Fachwerk entstehen genau dann, wenn man versucht, ein historisches Gebäude wie einen Neubau zu behandeln.
Raumklima im Fachwerkhaus – oft besser als sein Ruf
Richtig genutzt und aufgebaut, kann das Raumklima in einem Fachwerkhaus außergewöhnlich stabil sein.
Typisch sind:
weniger extreme Luftfeuchteschwankungen,
ein als „angenehm“ empfundenes Wohnklima,
und eine geringere Neigung zu Kondensationsproblemen an Wandoberflächen.
Der Grund liegt in der Materialkombination. Holz und mineralische Baustoffe reagieren träge auf kurzfristige Feuchtebelastungen. Sie puffern Spitzen ab, statt sie sofort an der Oberfläche sichtbar werden zu lassen.
Wichtig ist jedoch: Puffern ist nicht Entsorgen.
Feuchtigkeit muss das Gebäude auch wieder verlassen können.
Wann wird Feuchtigkeit zum Problem?
Feuchtigkeit wird im Fachwerkhaus dann kritisch, wenn sie:
dauerhaft vorhanden ist,
nicht mehr abtrocknen kann,
oder an Stellen auftritt, die dafür nicht ausgelegt sind.
Typische Problemursachen sind:
dichte Beschichtungen oder Putze,
unsachgemäße Innendämmungen,
fehlende oder falsche Lüftung,
aufsteigende Feuchte im Sockelbereich,
oder lange Leerstände ohne Beheizung.
Auffällig ist: Viele dieser Probleme sind nicht altersbedingt, sondern das Ergebnis späterer Eingriffe.
Schimmel im Fachwerkhaus – Ursachen statt Schuldzuweisung
Schimmel ist kein Baumangel im engeren Sinne, sondern ein Indikator. Er zeigt an, dass über längere Zeit ungünstige Bedingungen herrschen.
Im Fachwerk treten Schimmelprobleme häufig dort auf:
wo kalte Oberflächen mit hoher Raumluftfeuchte zusammentreffen,
hinter Möbeln an Außenwänden,
an Übergängen zwischen alten und neuen Bauteilen,
in Bereichen mit dichten Materialien auf diffusionsoffenem Untergrund.
Wichtig zu wissen:
Schimmel entsteht nicht, weil ein Haus alt ist. Er entsteht, weil Feuchtigkeit länger bleibt, als sie sollte.
Lüften, Heizen, Nutzen – die Rolle der Bewohner
Ein Fachwerkhaus verzeiht viel, aber es ignoriert Nutzung nicht.
Regelmäßige Beheizung und Lüftung sind keine modernen Marotten, sondern Teil des Funktionsprinzips.
Typische Fehlannahmen:
„Das Haus atmet, ich muss nicht lüften.“
„Im Sommer lieber Fenster zu, sonst kommt Feuchte rein.“
„Ein bisschen Feuchte schadet dem Holz nicht.“
Richtig ist:
Lüften bleibt notwendig – angepasst an Jahreszeit und Nutzung.
Gleichmäßige Temperaturen sind günstiger als starke Schwankungen.
Dauerhaft hohe Luftfeuchte belastet auch robuste Konstruktionen.
Das Ziel ist kein trockenes Haus, sondern ein ausgeglichenes Feuchteniveau.
Materialien und ihr Einfluss auf das Raumklima
Nicht jedes Material, das heute als „modern“ gilt, ist für Fachwerk geeignet.
Problematisch sind vor allem:
sehr dichte Putze oder Anstriche,
sperrende Innendämmungen ohne abgestimmtes Gesamtkonzept,
Materialien, die Feuchte aufnehmen, aber nicht mehr abgeben.
Bewährt haben sich dagegen:
diffusionsoffene Putze,
kapillaraktive Wandaufbauten,
Systeme, die Feuchte lenken statt blockieren.
Im Fachwerk gilt: Feuchtigkeit kontrollieren, nicht bekämpfen.
Feuchtigkeit und Immobilienwert
Feuchte- und Schimmelschäden haben unmittelbare Auswirkungen auf den Immobilienwert – unabhängig davon, ob sie konstruktiv erklärbar oder nutzungsbedingt entstanden sind.
Aus Bewertungssicht entscheidend ist:
ob Schäden aktiv sind oder abgeschlossen,
ob Ursachen bekannt und behoben sind,
und ob der Wand- und Materialaufbau nachvollziehbar ist.
Ein Fachwerkhaus mit erklärtem, funktionierendem Feuchteverhalten ist oft wertstabiler als ein „trockensaniertes“ Objekt mit verdeckten Risiken.
Fazit
Feuchtigkeit gehört zum Fachwerkhaus – unkontrollierte Feuchtigkeit nicht.
Schimmel ist kein Schicksal, sondern meist das Ergebnis von Fehlanpassungen zwischen Bauweise, Material und Nutzung.
Wer das Fachwerkhaus als das behandelt, was es ist – ein eigenständiges, seit Jahrhunderten bewährtes System – wird feststellen:
Das Raumklima kann hervorragend sein, Schimmel vermeidbar und Feuchtigkeit beherrschbar.
Nicht durch Abschottung, sondern durch Verständnis.
Datum: 04.01.2026
Bildnachweis: „Wetzhausen Fachwerkhaus-20220828-RM-165252.jpg“ von Reinhold Möller, lizenziert unter CC BY-SA 4.0.
Quelle: Wikimedia Commons.
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